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Gebiet des verbotenen Wissens

Théophile Gautier: „Mademoiselle de Maupin. Roman“

Von Melanie Grundmann

 

Anlässlich des 200. Geburtstages des Théophile Gautier erscheinen in diesem Jahr einige Neu- und Erstübersetzungen des französischen Autors. Neben den Erzählungen "Avatar" und "Die Jeunes-France" aus dem Hause Matthes & Seitz erschien jüngst in der ästhetisch äußerst ansprechend gestalteten "Manesse Bibliothek der Weltliteratur" eine Neuübersetzung des in Deutschland leider nahezu unbekannten Meisterwerks "Mademoiselle de Maupin".

Der Briefroman ist eine wagemutige und vertrackte Dreiecksgeschichte über den dekadenten jungen Dandy Albert und die historisch belegte titelgebende Figur. Mademoiselle de Maupin ist eine erfahrungshungrige junge Dame, die sich den Männern nicht zum Fraß vorwerfen lassen will und sich als Mann verkleidet, um das andere, ihr fremde Geschlecht zu verstehen. Das Buch gälte nicht als „Bibel der Dekadenz“ führte es nicht in erotische Abgründe. Gautier betrat damit einst (der Roman erschien 1835/36) wagemutig das Gebiet des verbotenen Wissens, was sich an den inneren Kämpfen des männlichen Protagonisten ablesen lässt. Er verliebt sich in die als Mann verkleidete Maupin, dessen Tragik in den erst nach langem inneren Ringen ausgeschriebenen Satz kulminiert: „Ich liebe einen Mann.“

Obgleich es ihn als Dandy stets zu den ungewöhnlichen Seiten des Lebens zieht, stellt sich ihm diese, der Öffentlichkeit entzogene Form der Liebe zunächst als Schockerfahrung dar. Doch das Sinnieren über die Antike, eine jener großen Epochen, die das Dandytum inspirieren, führt Albert die Unterdrückung des homosexuellen Diskurses seiner Epoche deutlich vor Augen.

Entsprechend rigoros waren die Reaktionen auf den Roman. Die Kritiker forderten, das Buch müsse verboten und weggeschlossen werden. Gegen die Kritiker und Journalisten wendet sich der Teil des Buches, der schnell zu größerem Ruhm gelangte, als der Roman selbst: das Vorwort. Gautier attackiert hier nicht nur die übertriebene und heuchlerische Moral der Kritiker, welche die neue romantische Literatur der 1830er Jahre an Maßstäben maßen, denen auch viele Klassiker nicht standhalten könnten und deren Ansatz kaum noch zeitgemäß sei.

Der Kampf zwischen den Romantikern und Klassikern, den Gautier auch an anderen Stellen befeuerte, kommt hier deutlich zum Ausdruck. Gautier wendet sich aber auch gegen den Utilitarismus des bürgerlichen Zeitalters und fordert eine nutzlose Kunst: „Wirklich schön ist nur, was keinem Zweck dient; alles Nützliche ist hässlich, denn es ist Ausdruck eines Bedürfnisses, und die Bedürfnisse des Menschen sind widerlich und abstoßend wie seine armselige und hinfällige Natur“. Dies spiegelt das Lebensprinzip des Dandys, der sich von der Natur zu befreien sucht und dessen einziges Ziel es ist, der Schönheit zu frönen: „Die angemessenste Beschäftigung für einen gesitteten Menschen ist meiner Meinung nach, nichts zu tun oder nachdenklich seine Pfeife oder seine Zigarre zu rauchen“.

Das Vorwort avancierte schnell zum Manifest des l’art pour l’art und beeinflusste Autoren wie Gustave Flaubert und Charles Baudelaire. Gautier fordert die Unabhängigkeit des Denkens, die er von den Zeitungen bedroht sah, welche vorgefertigte Meinungen servierten und so die geistige Aktivität lähmten. Nicht allein deshalb ist "Mademoiselle de Maupin" eine äußerst lesenswerte, auch heute noch aktuelle Lektüre. Gautiers Stil besticht durch eine äußerst kunstvoll gestaltete Bildsprache und komplexe Referenzen und Querverbindungen, die das Buch immer wieder zu einer Entdeckung machen. Dabei wirkt die Sprache niemals ermüdend, abgehoben oder gar veraltet, sondern überraschend modern und immer wieder provokativ und amüsant, denn Gautier spielt mit seinem Leser, der sich der Verführungskraft des Erzählers kaum entziehen kann.

 

Théophile Gautier:

„Mademoiselle de Maupin: Roman“

Aus dem Französischen von Caroline Vollmann

Mit einem Nachwort von Dolf Oehler

Manesse Verlag 2011

704 Seiten, Euro 24,95

ISBN 978-3717522-64-5

 

Die Rezensentin ist Herausgeberin und Übersetzerin von  Théophile Gautier: "Die Jeunes-France" (Matthes & Seitz 2011)

 

Hoch

 

 

Umdenken!

Werner Dahlheim: "Augustus: Aufrührer - Herrscher - Heiland"

Von Martina Schmidt

 

Dieses Buch, eine fundierte Augustus-Biographie, verlangt vom Leser viel, nämlich: Umdenken! Und das ist, wie immer, wahnsinnig anstrengend. Augustus, haben wir gelernt, war der gütige Typ Herrscher, der nach Cäsars harter Hand die Römer beglückte. Natürlich, da gab es diese kleine Nickligkeit rund um Christi Geburt, aus dieser Bibelgeschichte kennen auch die lateinunkundigen Zeitgenossen den Namen des römischen Kaisers. Was man noch so zu wissen meinte, zerfällt zu Reststaub nach der Lektüre von Werner Dahlheims Ausführungen. In 15 Kapiteln, deren Einteilung und inhaltliche Zuordnung nicht besser vorstellbar sind, führt er in das Hirn und Herz eines Mannes, der erst eiskalt die spärlichen Überbleibsel der römischen Demokratie begrub, die Macht diktatorisch an sich riss und dann das Römische Reich weiter ausdehnte und erstrahlen ließ. Es ist nicht einfach für Fans der antiken Welt, die Tradition, in der sie sich als kulturelle Wesen sehen, einer derart kritischen Sicht zu unterziehen. Doch Dahlheim -Achtung: emeritierter Historiker heißt nicht lahmer Buchautor!- beliebt es, seinen ihm wohlbekannten Gegenstand lebendig zu machen und ihn so nicht zu verlieren. Man muss Augustus nicht den Rücken kehren und das Römische Reich nicht verdammen, aber eine Revision ist nötig.

Allein die Feststellung, die einen nie mehr loslässt, dass Grabesstille lag über den unterworfenen Teilen der Weltmacht, die zwar Wasserleitung und anderes brachte, aber auch eine lähmende Hegemonie. Melancholisch blickt man bei Reisen durch die Europäische Union auf die irgendwie leblos gewordenen Plätze. Lässt Augustus’ Welt Schlüsse zu, welchen Verlauf die Dinge zwangsläufig nehmen? Dahlheim lässt sich auf keine Plattheiten historischer Vergleiche ein, niemals, aber das Denken verbietet er nicht. Der Wandel in der Persönlichkeit des Herrschers, der wie ausgewechselt wirkte, lässt die Reise zu Lebensläufen anderer Diktatoren zu. Die auch mal delikaten Hinweise auf private Eskapaden der Römer sind freudige Details für Menschen mit Leib und Seele. Das ganze Buch - ein Hochgenuss für junge Leser!        

 

Werner Dahlheim:

"Augustus: Aufrührer - Herrscher - Heiland"

Beck 2010

447 Seiten, Euro 26,95

ISBN 978-3406605932

 

Hoch

 

 

Junge Frau sucht Platz in der Geschichte

Nino Haratischwili: Juja

Von Bettina Meinzinger 

 

Am Anfang steht die Geschichte von Danielle Sarréra. Die junge Französin schreibt in den späten 1940er Jahren tagebuchartige Texte, voll mit religiösen und mythologischen Referenzen, in mehrere Schulhefte. Ihre Aufzeichnungen sind nicht nur poetisch, sondern erzählen auch freizügig über weibliche Sexualität. Mit nur 17 Jahren begeht Sarréra Selbstmord. 1978 erscheinen ihre Werke in der deutschen Übersetzung unter dem Titel „Arsenikblüten“, besonders in feministischen und Künstlerkreisen werden sie zu einem kleinen Erfolg. Teil der Faszination an Sarréra ist, dass auch andere Frauen Selbstmord begangen haben sollen, nachdem sie ihr Büchlein gelesen hatten. Damit besitzt es eine ähnlich dunkle Wirkungskraft wie der Song „Gloomy Sunday“ des ungarischen Komponisten Rezső Seress, das der Legende nach etliche Hörer in den Freitod geführt haben soll. Die Figur der Sarréra erinnert auch an Françoise Sagan, die mit 18 Jahren den damaligen „Skandalroman“ „Bonjour Tristesse“ geschrieben hat.

Doch der Mythos der leidenden jugendlichen Schriftstellerin bekommt einen Sprung, als der Verleger Frédérick Tristan bekennt, er habe die Texte selbst geschrieben. Eine Danielle Sarréra hat es nie gegeben. Bei Nino Haratischwili heißt die junge Frau, die zunehmend verwahrlosend in einer Dachzimmerwohnung in Paris lebt, und dort ihre Gedanken, berauscht von Opium, Kälte und Einsamkeit niederschreibt, Jeanne Saré. Verschiedene Protagonisten, darunter die Australierin Francesca mit dem Alkoholproblem und der beschissenen Vergangenheit, die eigentlich so nüchterne holländische Kunstwissenschaftlerin Laura van den Ende mit dem Niedlichkeitskomplex und der aufdringliche Student, kommen mit Sarés Text, der hier „Eiszeit“ heißt, in Berührung. Ihre Dialoge wirken, als würden sie von einem Drehbuch ablesen. Durch Schicksalsschläge wurde die Kontrolle über ihr Leben, falls es so etwas gibt, ihren Händen entrissen. Nun wird es von Sarés Aufzeichnungen mit einem neuen Sinn erfüllt.

Dazwischen baut Haratischwili eine Ich-Erzählerin mit ein, kurze, mal belanglose, mal adoleszent theatralische Tagebucheinträge einer jungen Frau, die versucht, ihren Platz in der Geschichte zu finden. Am Ende des Buchs steht die Suche nach dem oder der Juja, der/die im gleichnamigen Lied der russischen Sängerin Zemfira besungen wird: Und wir lösen einander auf, Juja, wie Säuremittel, oder was auch immer, und wir müssen den Schmerz gemeinsam tragen.

 

Nino Haratischiwili:

"Juja"

299 S. , Euro 19, 80

Verbrecher Verlag 2010

ISBN 3940426482

 

Hoch

 

 

Erzählerische Kraft

Garth Risk Hallberg: "Ein Naturführer der amerikanischen Familie"

Von Bettina Meinzinger

 

Die amerikanische Familie, was ist das?

Der Martini Dry am Pool, der Instant-Haferbrei zum Frühstück und das Cheerleader-Training der Tochter? Oder doch eher heimliches Begehren, Schuldgefühle und die Uneinlösbarkeit des amerikanischen Traums?

Garth Risk Hallberg beobachtet in seinem Roman „Ein Naturführer der amerikanischen Familie“ zwei Exemplare dieser immer seltener werdenden Spezies.

Die Harrisons und die Hungates leben im geräumigen Eigenheim auf Long Island. Ihre Kinder, je eine Tochter und ein Sohn, sind ungefähr im selben Alter, das Verhältnis ist nachbarschaftlich-freundschaftlich.

Doch die „amerikanische Familie“ entpuppt sich als Mythos. Die Komplexität des Familienlebens präsentiert Hallberg in Form einer wissenschaftlichen Studie. In kurzen Einträgen dokumentiert er das Leben der Harrisons und Hungates, unter Stichworten wie „Unschuld“, „Existenzangst“ und „Rebellion“. Stück für Stück breitet sich vor den Augen des Lesers, wenn auch lückenhaft und brüchig, das ganze Spektrum des familiären Daseins aus, seine Tragödie und seine unterschwellige Schönheit.

An der klischeehaften suburbanen Familie, unter deren Oberfläche sich jedoch die uns allen eigene menschliche Zerrissenheit auftut, haben sich vor Hallberg schon andere abgearbeitet. Es ist jedoch erstaunlich, mit welcher Beiläufigkeit und Lässigkeit Hallberg große, existenzielle Themen verhandelt.

Je weiter man in die Familiengeschichten vordringt, desto mehr entfaltet sich die erzählerische Kraft dieses Buches, die noch lange nachhallt. Darüber hinaus ist es wunderschön gestaltet. Zu jedem der Einträge findet sich auf der jeweils gegenüberliegenden Seite eine Photographie und schöne und kluge Beobachtungen wie diese. „Die Ungewissheit ist die bevölkerungsreichste Art auf dem nordamerikanischen Kontinent. Rastlos streift sie von Küste zu Küste, aber man kann nicht mit Gewissheit sagen, wonach sie sucht.“

„Ein Naturführer der amerikanischen Familie“ ist Hallbergs Debütroman. Doch von dem in New York lebenden Autor mit dem schön klingenden skandinavischen Namen ist bestimmt noch Großes zu erwarten.

 

Garth Risk Hallberg:

"Ein Naturführer der amerikanischen Familie"

Aus dem Amerikanischen von Matthias Müller

Liebeskind 2010

144 S., Euro 19,80

ISBN 978-3935890731

 

Hoch

 

 

Der eigenartige Geruch

Dieter Zimmer: "Für ´nen Groschen Brause"

Von Susan Müller

 

Wir schreiben das Jahr 1950. Unser Held lebt in Leipzig und verbringt mit seinen Freunden die Freizeit in den verbliebenen Kriegstrümmern.

Mit Vater, Mutter und Oma bewohnt er nach Umzug eine Wohnung im Gohliser Stadtbezirk. Dem Alter und den Umständen geschuldet, ist es kein größeres Problem in einer Clique wieder Fuß zu fassen. Sie spielen Fußball und sind auch eine eingespielte Gruppe. Arbeiterkinder und auch sogenannte Bonzenkinder. Ein Jahr nach der Gründung der DDR ist der Begriff denen vorbehalten, deren Eltern in der Partei, der SED, die man als rot bezeichnete, große „Tiere“ sind. Und die haben immer auf den Lippen „Sag ich deinem Vater“, denn soweit ist man untereinander schon geimpft, dass dies Nachteile nach sich ziehen kann. Ein weiteres Problem dieser Zeit ist die Wirtschaftslage, die HO-Geschäfte (HO=Handelsorganisation) sind rar und man sollte wissen, wann dort eine bestimmte Ware eingetroffen ist (sehr begehrt sind weißes Mehl und gar Äpfel).

Thomas freundet sich mit einem Mädchen an, deren Mutter in der HO Verkäuferin ist, und ihm ab und an einen heißen Liefertipp gibt. So kann er seiner Familie sogar den schlecht zu bekommenden Hering besorgen, der eine echte Abwechslung auf dem Speiseplan darstellt. Die Kartoffeln, die dazu gekocht werden, sind ein anderes Kaliber, aus heutiger Sicht eine reine Zumutung. Sie haben mehr zum Wegschneiden als zum Verzehr. Dazu kommt der eigenartige Geruch.

Nur es ist nicht die Versorgung allein, die die Familie unzufrieden macht. Dem Stiefvater soll die Firma geschlossen werden, da er in seiner Tätigkeit „Marktlücken“ schließt.

Dieter Zimmer bringt die Missstände auf den Punkt, die das Regime auch ins Familienleben trägt. Wenn der Vater die Familie verlässt, weil er fürchten muss, sie nicht mehr ernähren zu können und keine Zukunft mehr im sozialistischen Staat sieht.

Es ist kein Wendebuch, da es bereits nach der Gründung beider Staaten, also nach der Teilung entstand, aber schon da geht es um den Unterschied in vielen Belangen des täglichen Lebens zwischen Ost und West

Lesenswert, da aus der Sicht des Halbwüchsigen erzählt und vielleicht gerade heute wieder hochinteressant, wo 20 Jahre nach der Wende noch immer ein Unterschied Ost-West gemacht wird.

 

Dieter Zimmer:

Für ´nen Groschen Brause

Connewitzer Verlagsbuchhandlung 2010

271 Seiten, 18,90 Euro

ISBN 978-3937799360

 

Hoch

 

 

Gleichzeitig echt Kadare

Ismail Kadare: Ein folgenschwerer Abend

Von Maximilian Wischnewski

 

Ismail Kadare, das ist ein Nationaldichter: Er hat Albanien in allen Zeiten und Weltläufen dargestellt, aus Kommunismus und Gegenwart – der Roman "Ein folgenschwerer Abend" sticht hervor und ist gleichzeitig echt Kadare: Als Grundlage eine Anekdote genommen, verbindet der Schriftsteller der dichten Plots damit drei Dinge: Gegenwart, den Totalitarismus des Stalinismus, den Zweiten Weltkrieg und immer die albanische Tradition, das alte Albanien. Die Wehrmacht zieht nach Albanien ein; und der Leser beginnt mitzudenken an eine Weltgegend, die nicht vorkommt im Global Village: Komplizierte historische Deutungen, Wehrmacht als Befreier von den Italienern? Das Verhältnis Deutschland-Albanien? Der grausame Irrsinn des Wehrmachtsverhaltens?

Kadares Handlung: Arzt im Heimatstädtchen trifft Studienfreund, der mit der Wehrmacht kommt. Er verhindert bei einem Abendessen ein Massaker – für jeden Soldaten 80 Zivilisten, war die aufgemachte Blutrechnung. In diesem Städtchen ist in diesem Moment die albanische Vielfalt und ihr Drama eingezogen; eine Vielvölkerregion, Albaner zwischen  Griechen, Deutschen, Engländern, Sowjets. Spielball einerseits, andererseits unberührt in eigener Tradition.

Kadare bleibt der Meister der Intensität. Der Arzt wird von seiner Vergangenheit eingeholt im Stalinismus: Retter oder Kollaborateur? Der Arzt, in Deutschland studiert, Freund der klassischen Musik, sehr gebildet- und jetzt in den albanischen Bergen; das sind enge intellektuelle Verwebungen zu Mitteleuropa. Eine einfache, friedvolle Auflösung ist unmöglich. Sehr kunstvoll-spannendes Netz, ein sehr gutes Buch des albanischen Großmeisters Ismail Kadare, der etwas Tiefliegendes weckt.

 

Ismail Kadare:

Ein folgenschwerer Abend

Aus dem Albanischen von Joachim Röhm

Ammann Verlag 2010

200 Seiten, 19,95 Euro

ISBN 978-3250600497

 

Hoch

 

 

Das gesamte Milieu

Wolfgang Beutin (Hg.): „Deutsche Literaturgeschichte“

Von Markus Ludwig

 

Es ist schon eine gewaltige Schwarte, die man sich da antun soll, so dick, dass sich die Balken biegen. Es läge schon näher, einfach im Netz herumzutrödeln und die deutsche Literaturgeschichte dort zusammenzusammeln. Aber eben auch wieder nicht: Denn dieser Ziegelstein „Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart“ ist kein Lexikon oder Namensverzeichnis, es ist eine in sich geschlossene, fließende Darstellung. Darin finden sich Lebensläufe und Werkbeschreibungen, ja, aber vor allem: Das gesamte kulturelle und gesellschaftliche Milieu der jeweiligen Zeit wird geschildert. Die deutsche Literatur hat schließlich nicht im luftleeren Raum stattgefunden, sie ist Teil eines Ganzen. Und - das macht den Ansatz Epoche für Epoche (vom Mittelalter bis zum Hypertext) immer wieder spannend – sie kann doch auch singulär sein, die Welt ganz allein anschieben. Natürlich kann und soll man in dieser Literaturgeschichte nachschlagen, wenn man sich für eine bestimmte Zeit, in der ein bestimmtes Werk entstanden ist, interessiert. Ich als Rezensentin habe das ganze Buch, von Anfang bis Ende, gelesen und richtiggehend durchgearbeitet. Darum beziehe ich mich in dieser Kritik auf die Ausgabe von 2008. Ich hatte meine Zeit gebraucht.

Doch jeder Einsatz bezüglich dieses Buches lohnt sich wirklich.

 

Wolfgang Beutin (Hg.):

„Deutsche Literaturgeschichte“

Metzler Verlag 2008

761 Seiten, 29,95 Euro

ISBN 978-3476022479

 

Hoch

 

 

Starterset

Michail Bulgakow: "Arztgeschichten"

Von Vera Meyer

 

Michail Bulgakow schrieb Satiren. Er konnte nicht anders. Seine Schaffenszeit fiel in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, und er war Sowjetbürger. Das bedeutete Sieger eines Revolution über sich zu haben, in deren Gebaren sich mindere Gesinnung und Überlegenheit mit keinem Quentchen Kulturverständnis trafen: Aber sie setzten sich jetzt an die weiß gedeckten Tische, ohne Messer und Gabel halten zu können, in die Theater, ohne Sinn für Stücke zu haben, in die Zensurbehörden, um wesentlich klügeren, kultivierteren und begabteren Menschen das Leben zu zerstören. Bulgakow goss Realsatire in eine literarische Form; keiner war damit so kritisch und so distanziert dem Sowjetsystem gegenüber wie er.

Natürlich fiel er in Ungnade, schon 1925 mit „Hundeherz“. Als dann 1940 sein Hauptwerk – und damit eines der Hauptwerke der anderen, der verbotenen und in abgetippten Fassungen heimlich herumgereichten – der Roman „Meister und Margarita“ beendet war, gab es keine Zweifel, dass es nicht würde erscheinen können. 1973, während der kurzen Tauwetter-Periode, wurde das Meisterwerk in Russland publiziert; aber es war immer am Westen und an den dortigen Lesern, das Buch in Erinnerung zu rufen und offen lesen zu können. Bulgakow, 1940 mit 49 Jahren gestorben, geriet nicht in Vergessenheit.

Er wurde, mit Stalins Billigung, mit kleinen Aufgaben an Moskauer Theatern beschäftigt, aber was er schrieb, durfte keiner mehr zu lesen bekommen. Er verarmte. Von dem Glanz seiner Herkunft aus einer gebildeten Theologenfamilie blieb nichts, an eine Rückkehr zum Arztberuf – er hatte in Kiew Medizin studiert – konnte der Schriftsteller und Dramatiker nicht zurückkehren. Den Menschen und Dichter Bulgakow kann man in seinen „Arztgeschichten“ aus den Zwanzigern kennenlernen: „Aufzeichnungen eines jungen Arztes“ – und eben nicht irgendeines Arztes, sondern eines Querkopfes, eines nicht korrumpierbaren Mitdenkers, eines Feindes von Stereotypen in Leben und Werk und eines großen, im Spätwerk schwer verständlichen Stilistikers. Nicht so hier: Die „Arztgeschichten“ sind direkt und spannend, auch von zeitgeschichtlicher Finesse; das kleine Leben im Großen. Das Starterset für Bulgakow.

 

Michail Bulgakow: "Arztgeschichten"
Sammlung Luchterhand, 2009.
144 Seiten, 8,00 EUR.
ISBN: 978-3630621838

 

Hoch

 

 

Die Leiden des jungen Autoren

Jochen Schmidt dokumentiert sein Leiden beim Proustlesen in „Schmidt liest Proust“

Von Jule D. Körber

 

Es ist schlecht bestellt um den Autor Jochen Schmidt. Wie schlecht, das wird in einem der beiden Kapitel deutlichsten, die er nicht selbst geschrieben hat. Am 26.10.2006 übernimmt die „digitale Bohème“-Autorin Kathrin Passig Schmidts tägliche Aufgabe, 20 Seiten aus Marcel Prousts Jahrhundertwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu lesen und eine Art Lesetagebuch darüber zu führen. Schmidt selbst litt zu dem Zeitpunkt an einer „heftigen Liebeserkrankung – an der ich Proust die Schuld gebe“.

 

 

Kathrin Passig übernimmt die Seiten 191-210 von „Sodom und Gomorra“, dem vierten der sieben Bände von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und schreibt gleich zu Anfang:

 

„Schon frühmorgens fühle ich mich angesichts der Aufgabe, heute Jochen Schmidt zu sein, mutlos und überfordert. Ein guter Anfang, das geht dem echten Schmidt sicher genauso. Mit dem Frühaufstehen fängt es schon an,  denn anders als ich ist Schmidt ein disziplinierter Kulturschaffender; vermutlich folgt dann ein Tag voller Liegestütze und Empfindsamkeiten.“

 

So versucht sie schon im Bett liegend - mit schimmelndem, stetig wachsendem Wasserfleck an der Decke genau über ihrem Kopfkissen und immobilen Wasserbett, was mit einer „rötlich angelaufenen Algenbrühe“ angefüllt ist, unter ihr - Schmidt zu sein.

 

„Ich beschließe, gar nicht erst aufzustehen. Meine derzeitige Lage, gesandwicht zwischen Schimmelpilzen und Algen, bietet die besten Voraussetzungen für eine künstlerisch fruchtbare Schwermut. Wenn ich die Duden-Regeln 72, 82 und 112 konsequent mit den Füßen trete, wird schon bald niemand mehr einen Unterschied zwischen mir und Jochen Schmidt feststellen können.“

 

Auch Marcel Proust bleibt ab einem gewissen Punkt seines Lebens morgens lieber liegen. Seit er zehn Jahre alt war, litt der vor allem von seiner Mutter sehr verhätschelte Proust unter Asthma, und erst 1905, nach dem Tod beider Eltern, zieht der dato 37-järige in eine eigene Wohnung. Dort verbarrikadiert er sich in seinem mit Kork nach außen abgedichteten Schlafzimmer im Bett, nebelt sich mit angeblich gegen sein Asthma wirkungsvollem Räucherpulver ein und lässt zeitweise nur noch seine aktuellen Bediensteten zu sich. So fängt er zum ersten Mal in seinem Leben an zu arbeiten. Das in der deutschen Übersetzung über 5000 Seiten schwere Werk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wird ein unfassbarer Erfolg – und Proust steigt mit der selbstmitleidigen Verarbeitung seiner Kindheit und der französischen Salon-Gesellschaft seiner Zeit aus dem Bett auf zur Weltliteratur.

Zu Weltliteratur ist der in der DDR aufgewachsene Jochen Schmidt noch nicht geworden. Und so nähert er sich Prousts Opus und damit Leben respektvoll – und seinem eigenen Leben im Vergleich umso respektloser.

Seine naive Leseerfahrung versucht der nicht nur mit Sortierzwang gehandikapte Schriftsteller – Prousts Asthma und Mutterhysterie ist ein Kinkerlitzchen gegen die unzähligen emotionalen, psychischen und physischen Gebrechen Schmidts – durch Kategorien zu sortieren. So steht nach fast jeder 20-Seiten-Lesezusammenfassung in Stichpunkten etwas zu einer „verlorenen Praxis“ („Als Gastgeberin kupplerisch Gelegenheit machen“, „Nicht ohne seine Hänflinge und Papageien verreisen“, „Balsam auf das Inferioritätsbewußtsein derer gießen, die sich unter einem befinden“) oder auch ein „unklares Inventar“ („Anaphylaxie“, „Ranunculacee“, „Siele“ , „ein königliches Zelter“, „kaudinisches Joch“, „Supraporten“). 

Seite um Seite kämpft sich Schmidt durch das Mammutwerk – und fast wirkt es so, als würde er dabei einen Berg erklimmen, der am Fuß noch im völligen Nebel liegt, bei dem die Luft zum Gipfel hin aber immer klarer wird. Mehr und mehr Verknüpfungen entstehen zwischen den Parallelwerken – denn mit „Schmidt liest Proust“ bekommt der Leser gleich zwei Werke vorgelegt: Die tagebuchartigen Gedanken Schmidt zu sich selbst aus einem halben Jahr und eine sehr unterhaltsame Zusammenfassung von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ mit klug ausgewählten Zitaten und unschlagbar trocken-komischen Anmerkungen.

Dass Schmidt das Rennen um die Sympathie des Lesers gegen die Figuren Prousts gewinnen wird, ist nach wenigen Seiten klar. Das nachvollziehbare, gegenwärtige Leiden der autobiografischen Figur Schmidts ist so angenehm ironisch, da kann das andauernde Selbstmitleid und Jammern auf höchstem Niveau von Prousts überverwöhnten Figuren nur noch nerven. Und wären nicht Schmidts Kommentare dabei, man würde wohl den Proust-Teil von „Schmidt liest Proust“ sehr bald nur noch lesend überfliegen, um schnell wieder zu einem Tagebucheintrag von Schmidt zu gelangen.

Solch eine Respektlosigkeit wie das schnelle Überfliegen würde sich Jochen Schmidt gegenüber dem Werk Prousts nie erlauben. Und so gilt seine Feststellung aus dem Vorwort bis zum Schluss:

 

„Man könnte sagen, dass man nicht sterben sollte, ohne Proust gelesen zu haben. Aber in Wirklichkeit ist man dann noch gar nicht geboren“.

 

Jochen Schmidt: Schmidt liest Proust. Mit CD.
Verlag Voland & Quist, 2008.
608 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN: 9783938424315          

 

Hoch

 

 

Österreichische Provinz, 1926

Hans Adlers „Das Städtchen“ skizziert detailliert ein Provinzpanorama seiner Zeit

Von Jule D. Körber

 

Kot. Überall Kot. Vorm Theater „zogen Damen die kotbespritzten Röcke hoch und lachten“ und auf dem Rathausplatz mustert ein Wachmann „ein paar Schulkinder, die anscheinend vergnügt mit den Schuhabsätzen sinnvolle Kanalsysteme durch den Kot zogen“. Kot auf den Straßen in dem Provinznest und in der Luft?

„Ein zäher, gelber Nebel, dessen Feuchtigkeit mit Braunkohlenruß und chemischen Substanzen gesättigt war, lagerte in den letzten Oktobertagen drohend und ungesund über der kleinen Stadt, bestrich das Pflaster mit glitschiger Nässe, verschlang die Sonne und ließ abends die Gaslaternen der kommunalen Straßenbeleuchtung als grüne Irrlichter auftauchen und jäh verschwinden. Nun begann es noch zu regnen.“

So beginnt Hans Adlers einziger Roman, „Das Städtchen“, den der ambitionierte Independent-Verlag Lilienfeld neu herausgegeben hat. Der Roman ist 1926 erstmals erschienen und erhielt ein Jahr später den Künstlerpreis der Stadt Wien. Hans Adler, 1880 geboren in Wien, war zunächst Jurist und schrieb gleichzeitig Gedichte, die durch Veröffentlichung im „Simplicissimus“ so beliebt waren, dass er – krankheitsbedingt in den Juristen-Ruhestand versetzt – als freier Autor arbeiten konnte. 1920 wurde sein Gedichtband „Affentheater“ veröffentlicht, etliche Opernlibretti und Theaterstücke folgten.

„Das Städtchen“ sollte der einzige Roman bleiben, und selbst diesem merkt man an, dass der Autor eigentlich für die Bühne schreibt.

Und dann ist es aufgrund seines Detailreichtums doch wieder kein Bühnentext. Denn die Bühne, auf die er seine Figuren stellt, dieses k.u.k. (kaiserlich und königlich) Provinzstädtchen - man riecht es förmlich, und der Gestank, er ist kaum zu ertragen. In diesen Gestank, Dreck, Nebel, der sprachlich so genau gefasst ist, dass er sich in seiner Plastizität und atmosphärischen Dichte am ehesten mit Christian Krachts „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ vergleichen lässt, setzt Adler nun seine Figuren, die das ganze Panorama der möglichen Provinzcharaktere seiner Zeit abdecken.

Der junge Adelige Seylatz, der es im Leben noch zu Höherem bringen wird und einen Zwischenschritt in seiner Beamtenlaufbahn in der Provinz absitzt: Bald lernt er die Gepflogenheiten der besseren Herren kennen und versteht sich darauf, die zur Verfügung stehenden Damen zu verführen.

Das Gegenteil von ihm ist der als Zeichenlehrer hängengebliebene Künstler Quitek, dem einmal eine große Karriere bevorstand, der er immer noch hinterher weint. Völlig ambitionslos schleppt er sich durch das Städtchen, um am Ende elendig zu sterben.

Und um diese Beiden herum ein Waisenmädchen mit verstorbenem gewalttätigem Vater, um das sich Quitek halbherzig kümmert und das sich als junges Mädchen auf eine Affäre mit Seylatz einlässt. Dann: Der reiche Bürgermeister, der regelmäßig seine Sekretärinnen schwängert und dann entlässt. Dessen lebenshungrige und schöne Tochter, die sich auf einen heruntergekommenen amerikanischen Sänger einlässt.

Und überall handeln die Figuren ähnlich, sei es im Bordell, in der versifften Kneipe oder im Stadttheater: Ziel allen Handelns ist immer der eigene finanzielle und sexuelle Vorteil. Manche der unzähligen Figuren sind erfolgreich damit, richtig glücklich wird keine von ihnen.

Und wie am Anfang dreht auch am Ende der Wachmann seine allabendliche Runde und wirft genau wie Adler selbst einen kopfschüttelnden und vor allem sehr genauen Blick auf die österreichische Provinz seiner Zeit.

 

Hans Adler:

"Das Städtchen"
Roman
Lilienfeld Verlag 2009
333 Seiten, Euro 21,90

ISBN 978-3-940357-13-7

 

Hoch

 

 

Offen und schöpferisch

Horst W. Nägele: "Schwimmzüge"

Von Susan Müller

 

Ein schmales Buch, das mit Wucht von unfasslicher existenzieller Not erzählt: In verzweifelten Schwimmzügen erlebt die Hauptfigur Frieder die Gewalt des Atlantiks, wenn die Ebbe einsetzt.  Doch die Flut kommt, sie kehrt zurück, weil sie immer zurückgelehrt ist, und das ist der erste Hoffnungsschimmer, ein  berechtigter. Der Protagonist findet sich auf dem warmen Sandstrand wieder, ja, es ist gut geworden. Doch das Erlebte wirft ihn in die Vergangenheit zurück. Was er verloren im Meer erlebt hat, steht symbolisch für das, was ihm in dieser Welt widerfahren ist. Es durchzucken ihn nochmal all die Urängste, die er mit sich trägt seit der Kriegszeit, die er als Kind erleben musste. Er ist wieder der zehnjährige Junge in einer Bombennacht 1944. Es brummt von Fliegern, es schlagen Bomben ein.

Der Autor, Horst W. Nägele,  ist Jahrgang 1934. Er gehört damit der Generation an, die als Kinder Nazideutschland erleben mussten, von fanatisierten Erwachsenen um ihre Kindheit gebracht worden sind und dann in eine Nachkriegszeit gerieten, in der materiell alles gut, aber von ihren Traumatisierungen keiner etwas hören wollte. Erinnerung - nein. Aber für die einzelnen Menschen blieb sie doch. "Schwimmzüge" ist ein Buch, das beweist, dass eine Vergangenheit, auch wenn sie nicht erwünscht ist, sich ihren Platz greift. An lebensbedrohlichen Situationen wird ein Leben lang gelitten. Sie verlassen einen nie.

Nägele hat für dieses Prosabändchen eine sehr lyrisch anmutende Form gewählt. Darin spiegelt sich auch seine Vielseitigkeit wider: Nägele verfasst sowohl Lyrik als auch Romane (zuletzt "Lebenslanges Suchen" über das Leben einer Frau zwischen Europa und Afrika zur Kolonialzeit) sowie Sachbücher zu Meditation und ist - das erklärt das wohltuende strukturierende Moment in "Schwimmzüge"- Wissenschaftler. Er lebt seit Jahrzehnten in Dänemark und ist dort als Skandinavist tätig. Diese Distanz zu Deutschland ist es wohl, die einen kritischeren Blick erlaubt, als seine Generation ihn sich sonst zutraut. Nägeles Sprache ist offen und schöpferisch, was auch daran liegen mag, dass er sich perfekt in zwei Literaturen bewegt; er schreibt auch auf dänisch und hat seinen Platz in der Literaturlandschaft Dänemarks. Ohne das Engagement des Autors zu kennen, ohne zu wissen, dass er sich auch als Essayist sachlich, aber mit Verve für seine Themen in die Bresche wirft, erschließt sich die Hintergründigkeit von "Schwimmzüge" nicht. Ein erläuterndes Nachwort hätte man dem Buch gewünscht.

Doch dessen Fehlen hat den Vorteil, dass jeder Leser aufmerksam mitdenken muss. Allein die Zeitdarstellung, auf die Nägele viel Wert legt und die anfangs gewöhnungsbedürftig scheint. Einmal, zweimal, dreimal, viermal schlägt es, und auf der anderen Seite zehnmal. Ich neige dazu, dies als die Uhrzeit um 10 anzusehen. Die Deutung bleibt dem einzelnen Leser überlassen. "Schwimmzüge" ist ein gutes Buch, das man nicht in Häppchen erlesen kann. Es muss als Ganzes aufgenommen werden und eignet sich wirklich nicht als Entspannungslektüre.

 

Horst W Nägele:

"Schwimmzüge"

Roman

Turnshare 2009

99 S., Euro 13,00

ISBN 978-1847900180

 

Hoch

 

     
 

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